Geführtes Augentraining und Statistik: was in Version 1.9 neu ist

Geführtes Augentraining und Statistik: was in Version 1.9 neu ist
Wie du eine Kontrastkarte tatsächlich einsetzt, stand bisher in jedem Altersgruppen-Text: 20–30 cm Abstand, ruhig halten, langsam bewegen. Gelesen hat das, wer Zeit hatte. Und welches Muster dein Baby am längsten angesehen hat, wusste die App im Moment des Wischens genau, hat es dann aber verworfen. Aus dem Text ist jetzt eine geführte Session geworden, aus der verworfenen Zahl eine Statistik.
Die App heißt Kontrastkarten & Muster und gibt es für Android und für iPhone und iPad.
Wie funktioniert das geführte Augentraining
Du startest die Session über das Hantel-Symbol im Header der Musterübersicht. Die Altersgruppe steht damit schon fest, und die App zieht drei Muster zufällig aus genau dieser Sektion. Insgesamt dauert das Ganze zwei bis drei Minuten.
Jedes Muster läuft durch vier Phasen. Zuerst zehn Sekunden ruhig halten, damit dein Baby das Bild überhaupt findet. Dann die Fixierungsphase: Du wartest, bis der Blick auf dem Muster liegt, und tippst. Danach zwanzig Sekunden langsame Bewegung, getaktet von einem wandernden Punkt am unteren Rand. Zum Schluss acht Sekunden Pause, in denen dein Baby wegschauen darf. Gesprochene Hinweise zu jedem Schritt kannst du dazuschalten, sie sind aber standardmäßig aus.
Warum genau diese Taktung?
Die Befunde zum Säuglingssehen, auf denen der Aufbau steht, sind alt und haben sich gut gehalten. Die meisten stammen aus den 1960er- und 1970er-Jahren.
Die Kontrastempfindlichkeitsfunktion von Säuglingen im ersten Lebensmonat ist gegenüber der von Erwachsenen stark abgeflacht und zugleich zu tiefen Ortsfrequenzen hin verschoben (Banks & Salapatek, 1978). Praktisch heißt das: Ein Reiz wird umso besser verarbeitet, je größer seine Strukturen und je höher ihr Luminanzkontrast ist. Die Sehschärfe liegt in den ersten Wochen bei etwa einem Zyklus pro Grad und damit rund ein bis zwei Zehnerpotenzen unter dem Erwachsenenwert (Dobson & Teller, 1978). Deshalb zeigt das Augentraining pro Session nur drei Muster aus der zur Altersgruppe passenden Sektion, statt möglichst viele durchzublättern.
Beim Abstand hat sich die ältere Vorstellung eines fest eingestellten Fokus bei etwa 20 cm so nicht bestätigt. Säuglinge akkommodieren durchaus, nur ungenau, und zwischen dem ersten und dritten Monat deutlich treffsicherer, als früher angenommen wurde (Banks, 1980). Ein Teil der verbleibenden Ungenauigkeit fällt gar nicht auf: Kleine Augen mit niedriger Sehschärfe haben eine große Schärfentiefe, und deren Abnahme im Lauf der ersten Monate verläuft ziemlich genau parallel zur besser werdenden Akkommodation (Green, Powers & Banks, 1980). Die 20–30 cm sind also weniger eine optische Schwelle als ein Optimierungsbereich: nah genug, dass die Struktur groß auf die Netzhaut fällt, und noch innerhalb der Spanne, in der der unpräzise Akkommodationsapparat das Bild brauchbar scharf stellt. Es ist derselbe Abstand, in dem dein Gesicht steht, wenn du dein Baby im Arm hältst.
Fixieren und Verfolgen sind schließlich zwei verschiedene Leistungen. In den ersten Lebenswochen ist das Verfolgen eines bewegten Ziels überwiegend ruckartig und nachspringend (sakkadisch); die glatte Augenfbewegung entwickelt sich erst im Verlauf der ersten Monate (Aslin, 1981). Die Trennung von Ruhephase und Bewegungsphase bildet das ab, und der Taktpunkt gibt eine Zielgeschwindigkeit vor, die langsam genug ist, dass ein noch überwiegend sakkadisches System hinterherkommt.
Warum du Tippen musst um in den nächsten Schritt des Trainings zu wechseln
Einen Übergang der Session kann die App nicht messen. Ob der Blick deines Babys auf dem Muster ruht, weiß nur, wer das Baby ansieht. Ein Gerät, dessen Bildschirm gerade vom Baby weg zeigt, weiß es nicht.
Wir hätten die Phase auf einen festen Timer legen können. Dann wäre ausgerechnet der Schritt automatisiert worden, auf den es ankommt, und die Session hätte auch dann weitergezählt, wenn das Baby längst zur Seite schaut. Die Fixierungsphase endet deshalb, wenn du tippst. Der Timer von fünfzehn Sekunden ist nur eine Obergrenze, damit eine unbeaufsichtigte Session nicht ewig an dieser Stelle hängen bleibt.
Dieselbe Überlegung steckt hinter den gesprochenen Hinweisen. Eine unerwartete Stimme direkt über dem Baby zerstört die Ruhe, die die Session herstellen soll. Deswegen sind sie ein Opt-in.
Statistik
Der zweite Neuzugang ist ein Auswertungsbildschirm. Erfasst werden zwei Größen pro Muster: wie lange es tatsächlich auf dem Bildschirm war, in Sekunden, und wie oft es geöffnet wurde. Daraus entstehen eine Aktivitätskurve über 7 Tage, 30 Tage oder die gesamte Nutzungsdauer, eine Rangliste der meistgesehenen Muster und eine Aufteilung nach Altersbereich.
Methodisch erinnert das von weitem an das Präferenzblick-Paradigma. Seit Fantz (1963) ist die Blickdauer die Standardvariable der Säuglingsforschung, weil sie eine der wenigen Reaktionen ist, die ein Säugling zuverlässig und unabhängig von Instruktion zeigt; Teller (1979) hat daraus mit dem Forced-Choice Preferential Looking ein psychophysisches Messverfahren gemacht.
Die App misst allerdings nicht dasselbe. Sie erfasst Bildschirmzeit, nicht Blickzeit. Zwischen beiden liegt alles, was in einem Wohnzimmer eben passiert: Ein Muster kann angezeigt worden sein, während das Baby geschlafen hat. Es gibt keinen zweiten Beobachter, keine Randomisierung der Position, keine Verblindung. Die Statistik hält also fest, was du deinem Baby vorgelegt hast und womit du wiedergekommen bist. Über die visuelle Präferenz deines Babys sagt sie nur so viel, wie deine eigene Beobachtung in diese Auswahl eingeflossen ist. Das ist trotzdem eine brauchbare Zahl, nur eben eine andere als im Labor.
Die Daten bleiben auf dem Gerät. Die App legt ein Ereignisprotokoll im App-Verzeichnis an, kürzt es nach 90 Tagen und führt die Summen dauerhaft in einem kleinen separaten Dokument. Nichts davon wird hochgeladen. Der vollständige Bildschirm gehört zum Premium-Kauf, ohne Freischaltung siehst du eine gekürzte Fassung. Der Kauf läuft über den Play Store beziehungsweise den App Store, je nachdem, wo du die App installiert hast.
Was ist noch passiert
Die Altersauswahl im Onboarding lässt sich jetzt überspringen. Wer die App verschenkt oder erstmal nur schauen will, muss kein Geburtsdatum eintragen.
Wo finde ich das Ganze?
Kontrastkarten & Muster gibt es kostenlos im Play Store und im App Store. Das Augentraining und die Statistik stecken in Version 1.9; der vollständige Statistikbildschirm ist Teil des Premium-Kaufs.
Wer möchte kann in der langeweiligen Literatur nachschauen die wir für diesen Post verwendet haben
- Fantz, R. L. (1963): Pattern vision in newborn infants. Science 140, S. 296–297.
- Banks, M. S. & Salapatek, P. (1978): Acuity and contrast sensitivity in 1-, 2-, and 3-month-old human infants. Investigative Ophthalmology & Visual Science 17, S. 361–365.
- Dobson, V. & Teller, D. Y. (1978): Visual acuity in human infants: a review and comparison of behavioral and electrophysiological studies. Vision Research 18, S. 1469–1483.
- Teller, D. Y. (1979): The forced-choice preferential looking procedure: a psychophysical technique for use with human infants. Infant Behavior and Development 2, S. 135–153.
- Banks, M. S. (1980): The development of visual accommodation during early infancy. Child Development 51, S. 646–666.
- Green, D. G., Powers, M. K. & Banks, M. S. (1980): Depth of focus, eye size and visual acuity. Vision Research 20, S. 827–835.
- Aslin, R. N. (1981): Development of smooth pursuit in human infants. In: Fisher, D. F., Monty, R. A. & Senders, J. W. (Hrsg.): Eye Movements: Cognition and Visual Perception. Erlbaum, Hillsdale, NJ.